Wirtschaftsentwicklung & Sklavenhandel

Afrika südlich der Sahara gehört immer noch zu den ärmsten Regionen der Welt. Ein entscheidender Grund für wirtschaftliche Probleme in vielen Staaten könnte der historische Sklavenhandel auf dem afrikanischen Kontinent sein. Zwischen 1400-1900 wurden etwa 18 Millionen Menschen aus Afrika versklavt und in viele Teile der Welt verschleppt. Ich wurde vor kurzem auf sehr interessante Forschung aufmerksam gemacht, welche die ökonomischen Auswirkungen des Sklavenhandel zum ersten Mal quantitativ-empirisch untersucht. Diese Ergebnisse will ich meinen Leserinnen und Lesern nicht vorenthalten.

Interessanterweise wird der Kolonialismus oft als einer der Hauptgründe für wirtschaftliche Unterentwicklung identifiziert. Dabei war die Kolonialzeit deutlich kürzer als die fast 500 Jahre Sklavenhandel, die Afrika erdulden musste. Neben dem transatlantischen Sklavenhandel gab es noch den arabischen Sklavenhandel in Nord- und Ostafrika. Obwohl heute oft nur der transatlantische Sklavenhandel beachtet wird, war der arabische Sklavenhandels auch verheerend und machen über 30% aller verschleppten Sklaven aus.

Da Sklaven vermutlich die größte „Kapitalanlage“ im 18. und 19. Jahrhundert waren, kann davon ausgegangen werden, dass die Händler einen starken Anreiz hatten präzise buchzuführen. Es existieren deshalb erstaunlich detaillierte und präzise Aufzeichnungen über die meisten Lieferungen Die Sklavenschiffe mussten außerdem ihre Waren in den meisten Häfen dokumentiert. Die Aufzeichnungen enthielten Informationen Herkunft und ethnische Zugehörigkeit. Außerdem wurde eine enorme Anzahl anderer Primärquellen, wie Zeugenbericht, Gerichtsfälle und Sklavenregister ausgewertet. Basierend auf diesen Aufzeichnungen haben Historiker in erstaunlicher Kleinarbeit enorme Datensätze erstellt, welche es möglich machen, ziemlich genau zu schätzen, wie viele Sklaven aus welcher Küstenregion verschifft wurden und welcher ethnischen Gruppe diese ursprünglich angehören (also wie viele auch aus dem Inland verschleppt wurden).

Angepasst an die jeweilige geographische Größe der heutigen Länder, verknüpft Nathan Nunn , Professor an der Universität Harvard, diese Daten mit dem Pro-Kopf-Einkommen der jeweiligen Länder. Er bereinigt die Daten außerdem um Effekte des Kolonialismus und andere geographische Unterschiede. Sein Hauptergebnis kann in Abb.1 beobachtet werden. Es gibt einen klaren negativen Zusammenhang zwischen der Anzahl der exportierten Sklaven in einem Land und dessen aktuellen Pro-Kopf-Einkommen, d.h. je höher der Anteil exportierter Sklaven damals desto niedriger das heutige Pro-Kopf-Einkommen. Umgekehrt gesagt lässt sich feststellen, dass das Pro-Kopf-Einkommen eines Landes signifikant höher ist je weniger Sklaven von dort exportiert wurden.

Abb 1: Zusammenhang zwischen Sklavenexporten und Pro-Kopf Einkommen. Quelle: Nunn (2008)

Die Länder, die kaum vom Sklavenhandel betroffen waren, also vor allem Länder des südlichen Afrika und Nordafrikas, weisen in der Tat heute die höchsten Pro-Kopf-Einkommen auf. Da der Zusammenhang um den Einfluss verschiedener Kolonialadministrationen und Rohstoffexporte bereinigt ist, kann davon ausgegangen werden, dass ein signifikanter Anteil des Unterschieds in den Einkommen zwischen den süd- oder nordafrikanischen Ländern und zentral-,west- oder ostafrikanischen Ländern auf den Sklavenhandel zurückgeführt werden kann.

Es mag zunächst überraschen, dass der Sklavenhandel heute noch so einen nachhaltigen, wirtschaftlichen Effekt auf die betroffenen Länder hat. Wenn man aber die Anzahl der verschleppten Menschen in Relation zur damaligen Bevölkerung setzt, scheint das aber gar nicht mehr so abwegig. Afrikas Bevölkerung lag zwischen 1750 und 1900 bei etwas über 100 Millionen Menschen. Die ca. 18 Millionen Menschen, die durch verschiedene Formen des Sklavenhandels verloren gingen, machten also einen dramatischen Anteil der afrikanischen Bevölkerung aus. Dieser Effekt ist vermutlich noch deutlich stärker als die Zahlen vermuten lassen, da die 18 Millionen alle jene nicht beinhalten, die durch Krankheit, Mord oder Erschöpfung ums Leben kamen bevor die Sklaventracks einen Hafen erreichten. Zumal wird der demographische Effekt  lokal natürlich noch verstärkt durch die Tatsache, dass der Sklavenhandel eben auf bestimmte Regionen konzentriert war und vor allem junge Männer versklavt wurden, also vor allem für die Region wichtige produktive Arbeitskräfte. Schätzungen nach war die afrikanische Bevölkerung im Jahr 1850 nur halb so groß wie sie es ohne Sklavenhandel gewesen wäre.

Nunn identifiziert drei Gründe für den negativen Zusammenhang zwischen Sklavenexporten und Pro-Kopf-Einkommen.

(1) Der Sklavenhandel führte laut Nunn zu einer zunehmenden ethnischen Zersplitterung in den betroffenen Regionen. Abb. 2 zeigt einen klaren positive Zusammenhang zwischen Sklavenexporten und dem Maß der ethnischen Zersplitterung. Es gibt Hinweise darauf, dass Dorfgemeinschaften sich vor dem Sklavenhandel regelmäßig zu größeren Gemeinschaften zusammenschlossen. Ein entscheidende Charakteristik des afrikanischen Sklavenhandels war aber, dass Gruppen gleicher ethnischer und regionaler Herkunft sich gegenseitig versklavten. Das hat dazu geführt, dass der Austausch und die Beziehungen zwischen verschiedenen Dörfern gestört wurden, was die Herausbildung einer übergeordneten ethnischen Identität  und Gemeinschaften behindert hat. Der Sklavenhandel könnte daher einer der Hauptursachen für ethnische Konflikte auf dem afrikanischen Kontinent sein. Diverse Studien zeigen, dass ethnische Zersplitterung sich negativ auf die Bereitstellung öffentlicher Güter, wie z.B.  Bildung, Infrastruktur, sauberes Trinkwasser und medizinische Versorgung, auswirkt. Sie wirkt sich außerdem negativ auf die Qualität lokaler Institutionen und Regierungen aus. Somit mindert die durch Sklavenhandel hervorgebrachte ethnische Zersplitterung das Pro-Kopf Einkommen in den betroffen Ländern.

Abb. 2: Zusammenhang zwischen ethnischer Zersplitterung und Sklavenexporten. Quelle: Nunn (2008)

(2) Ein zweites ähnliches Argument zeigt Nunn in einem etwas neuerem Artikel auf. Zuvor hatten Studien gezeigt, dass es eine positiven Zusammenhang zwischen dem Vertrauensniveau in einer Gesellschaft und deren Pro-Kopf-Einkommen gibt. Dies ist plausibel, weil erhöhtes Vertrauen die Bereitschaft steigert, langfristige Investitionen in Sach- und Humankapital zu tätigen. Außerdem erhöht es die Wahrscheinlichkeit, dass Verträge umgesetzt werden und politische Institutionen akzeptiert werden. Es ist außerdem wichtig für internationalen Handel und effektive Unternehmensführung. Daher ist Vertrauen entscheidend für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Nunn konnte anhand von umfassender Umfragen zeigen, dass Individuen geringeres Vertrauen in die Gesellschaft und politische Führungspersonen haben, wenn sie einer ethnischen Gruppierung angehören, die stärker von Sklavenhandel betroffen war. Vor allem in späteren Phasen des afrikanischen Sklavenhandels wurden die meisten Sklaven entführt, nicht selten sogar von Familienmitgliedern. Oft sahen sich auch die Dorfchiefs dazu gezwungen, ihre eigene Bevölkerung in die Sklaverei zu verkaufen, um ihre Macht zu erhalten. Dies zerstörte natürlich das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Mitmenschen und Führungspersonen. Der Mechanismus, der dabei wirkt, sind sogenannten Heuristiken, die aus der Kulturanthropologie bekannt sind. Das sind Daumenregeln über erfolgreiches Verhalten, die sich Individuen unter Informationsknappheit zurechtlegen. Zur Zeit des Sklavenhandels war es wahrscheinlich eine deutlich erfolgreiche Überlebensstrategie, ein gewisses Misstrauen an den Tag zu legen. Diese Heurisitken haben Eltern ihren Kindern über die Generationen weitergegeben und sie gehen mit der Zeit in die Kultur ein und wirken damit auch langfristig.

(3) Als dritten Grund nennt Nunn die Zerstörung präkolonialer politischer Systeme und Institutionen. So zeigt Abb 3 eindeutig einen negativen Zusammenhang zwischen staatlicher Zentralisierung im 19. Jahrhundert und der Anzahl exportierter Sklaven. Studien konnten zeigen, dass Ländern, die vor der Kolonialisierung ein höheres Maß an Staatsbildung hatten, dazu tendieren, ein höheres Pro-Kopf-Einkommen nach der Kolonialisierung zu haben. Dies ist der Fall, weil die Kolonien in der Regel nur beding für die Bereitstellung öffentlicher Güter aufgebaut wurden (sondern meistens der Extraktion von Ressourcen dienten). Nach dem Ende der Kolonialzeit nahm die Wichtigkeit präkolonialer politischer Strukturen zu, weshalb die Länder, die funktionierenden Strukturen hatten, besser abschnitten. Die Verschleppung von Sklaven ging meist mit bewaffneten Skalvenzügen einher. Die damit verbundene Unsicherheit und Zerstörung gesellschaftlicher Strukturen führte zu einer Desintegration von Staaten. So war eines der entwickeltsten präkolonialen Staatswesen wohl das Königreich Kongo (mit einer Verwaltung, einem Handelsnetz und einer eigenen Währung). Es hielt dem zerstörerischen Charakter des Sklavenhandels nur wenige Jahrzehnte stand. Betrachten wir die Entwicklung der Pro-Kopf-Einkommen nach den Unabhängigkeit im 20 Jh. stellen wir fest, dass die Länder, die kaum Sklavenhandel erlebten, ihre Lage deutlich verbessern, während die Ländern, die vom Sklavenhandel betroffen waren, eher stagnieren (siehe Abb. 4).

Abb. 3: Zusammenhang zwischen Sklavenexporten und Staatenbildung im 19. JH. Quelle: Nunn (2008)
Abb 4.: Entwicklung des Pro-Kopf-Einkommens von Ländern mit und ohne Sklavenhandel. Quelle: Nunn (2008)

Diese Ergebnisse haben mir sehr geholfen, einen besseren Einblick in die historische Wirtschaftsentwicklung Afrikas zu erhalten und zu verstehen, warum Afrika heute noch deutlich wirtschaftlich zurückbleibt. 500 Jahre Sklavenhandel sind für den Kontinent und seine Menschen eine schwere Hypothek. Es handelt sich dabei um ein kollektives Trauma, das sich nicht ohne Weiteres abschütteln lässt. Vor allem die Auswirkungen auf schwer zu greifenden Konzepte wie Vertrauen zeigen, welche Auswirkungen solche unfassbares menschliches Leid auf die langfristige, nicht nur wirtschaftliche, sondern auch kulturelle Entwicklung haben kann. Dies zeigt vor allem, wie die Gewalt auch das gemeinsame Miteinander zerstört, welches die Ausgangsbasis für alles Weitere darstellt. Ich musste dabei unweigerlich an „Things Fall Apart“ von Chinua Achebe denken, der darin aufzeigt, wie eine Gesellschaft gnadenlos von einem selbstbestimmten Entwicklungspfad verdrängt wird. Zwar war davor nicht alles besser, aber eine Gesellschaft kann sich immer nachhaltiger intrinsisch aus sich selbst heraus verändern.

Dieser Beitrag zeigt bisher nur die eine Seite der Konsequenzen des Sklavenhandels. Eine weitere Frage ist welche Rolle dieser, durch niedrigere Arbeitskosten und höhere Profite, für die Kapitalakkumulation in England gespielt hat. Es gibt Forschung, die der Frage nachgeht, inwiefern der Sklavenhandel zur Entwicklung eines modernen Kapitalismus beigetragen hat. Da ich dieses Semester einen Kurs darüber haben werden, werde ich mich dieser Frage in einem späteren Beitrag widmen.

Foto: Paul Townsend ,  CC BY-NC 2.0

Christian Kabengele

I am a politically interested Blogger, academic and student of economics. I am active in numerous initiatives, which represent minorities in Germany. I write about international relations, politics, economics and philosophy and much more. I am committed to be part of a positive change.

One thought on “Wirtschaftsentwicklung & Sklavenhandel

  • 17. Januar 2018 at 16:34
    Permalink

    Dieser Beitrag hat mir sehr gefallen und leuchtet mir sehr ein. Es bereichert mich sehr diese tiefergehenden Betrachtungen so gut verständlich vermittelt zu bekommen. Besonders die Erwähnung und Betrachtung von Heuristiken waren mir bis jetzt komplett unbekannt. Um so bedeutsamer erscheinen sie mir aber, je länger ich darüber nachdenke. So scheinen sie ja in jeder Kultur zu bestehen und vielleicht ein Teil der Kultur zu sein? Man sollte diesem Aspekt sehr viel mehr Bedeutung schenken.
    Ich freue mich schon auf den nächsten Beitrag.
    Vielen Dank

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