Koloniale Ursprünge wirtschaftlicher Ungleichheit

Bis heute werden viele ehemalige Kolonien von Armut und wirtschaftlichen Problemen geplagt. Vor einiger Zeiten diskutierten wir in einer Vorlesung die Gründe für die so genannte „Große Divergenz“. Damit ist das Auseinanderdriften der Einkommen zwischen den Ländern des globalen Südens und des globalen Nordens gemeint. Der Professor zeigte dabei folgende Grafik.

Anteil am weltweiten BIP
Anteil am weltweiten BIP. Quelle: Daten der Weltbank

Die Grafik zeigt den Anteil der G7 Länder (USA, Deutschland, Japan, Frankreich, Großbritannien, Kanada, Italien) sowie Indien und China an der weltweiten Wirtschaftsproduktion bzw. – einkommen, vom Jahr 1500 bis heute. Dabei fällt auf, dass das Einkommen westlicher Länder und das Indien und Chinas, bis in 19. Jh. ungefähr gleich bei ca. 20% lag. Dann plötzlich sehen wir wie die Einkommen langsam auseinander driften, bis zu einem Gipfel der im 20. Jh. erreicht ist. Zu dieser Zeit entfällt gut 70% des weltweiten Einkommens auf die westliche Welt, während China und Indien nahezu nichts davon haben. Auffällig ist auch, dass die Einkommensunterschiede seit den 1990er Jahren wieder deutlich kleiner werden (auch Konvergenz gennant). Bis hierhin stimmte ich mit meinem Professor noch überein. Allerdings spalten sich unsere Meinungen bei den Erklärungen für dieses Phänomen.

Der Erklärungsansatz des Professors beruht auf einem Buch von Richard Baldwin. Dieser stellt die These auf die große Divergenz sei darin zu begründen, dass sich in Europa durch die industrielle Revolution technisches Wissen konzentrierte. Durch die Erfindung des Dampfschiffs seien daraufhin die Transportkosten massiv gefallen. Der Fall der Transportkosten gepaart mit der industriellen Revolution führte dazu, dass in Europa nun mehr produziert werden konnte als konsumiert wurde. Die Überproduktion wurde in den Rest der Welt exportiert. Durch die hohen Kommunikationskosten zu dieser Zeit konnte das Know-How sich allerdings nicht im Rest der Welt verbreiten. Daher erlangten die europäischen Länder entscheidende Vorteile. Das Aufholen der asiatischen Länder in jüngster Zeit sei durch das Abfallen der Kommunikationskosten mit der Internet-Revolution der 1990er Jahre und der damit verbundenen Verbreitung von Know-How zu begründen. Diese These lässt Globalisierung wie eine unaufhaltsamen Naturprozess erscheinen. Dabei blendet sie zahlreiche politische, soziale und kulturelle Veränderung aus, die maßgeblich für die große Divergenz waren und bewusst herbeigeführt wurden.

Völlig vergessen wird dabei die Rolle die der Kolonialismus bei der globalen Einkommensumverteilung gespielt hat. Interessanterweise stimmt diese Divergenz genau mit der Periode kolonialer und imperialer Dominanz durch westliche Großmächte überein. Die Tatsache, dass der erste multinationale Konzern die britische ostindische Kompanie war, ist sinnbildlich für die Rolle des Kolonialismus auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Das Unternehmen verfügte über eine Privatarmee und versuchte ab 1757 seine Monopolstellung in Indien durch skrupellose und gewaltvolle Raubzüge, Coups und Marionetten-Regime zu festigen. Mitte des 18. Jh. beraubte es, nach einem bewaffneten Konflikt, die bengalischen Staatskammer und erbeutete Unmengen an Gold und Silber. So fanden während des 19. Jh. ein massiver Transfer gestohlener Reichtümer von Indien nach Großbritannien statt, der entscheidend für die zur Industrialisierung notwendige Kapitalakkumulation beitrug. Die Briten trugen außerdem zur gewaltvollen Unterdrückung indischer Textilproduzenten bei. Indien war damals der größte Produzent von Baumwolle der Welt und hatte eine großen Anteil des Weltmarktes für Textilien. Indischen Textilhändlern wurden unter Androhung von Gewalt gezwungen, deutlich unterhalb des Weltpreises zu Verkaufen. Im Jahre 1858 wurde Indien offiziell Teil des „British Empire“. Unter dem Deckmantel des Freihandels wurde der indische Markt mit britischen Textilerzeugnissen überschwemmt. Schon bald hatten britische Produzenten 60% des indischen Marktes erschlossen. Auf diese Weise spielte Indien als Massenmarkt für britische Produkte eine wichtige Rolle für die Industrialisierung, die maßgeblich durch britische Textilproduzenten vorangetrieben wurde. Nach dem Ende britischer Herrschaft war die indische Textilindustrie nicht mehr existent. In den zwei darauf folgenden Jahrhunderten wurde Indien zum Vorteil Großbritanniens ausgebeutet.  Wer an mehr Details interessiert ist, sollte sich diese brillante Rede von Shashi Tharoor auf Youtube anschauen, selbiger hat auch ein neues Buch zu dem Thema geschrieben. Die o.g. Divergenz scheint in dieser Phase im 19. Jh. besonders stark zu zuzunehmen.

Auch China wurde bald in diese kolonialen Wirtschaftsstrukturen hineingezogen. Im 18. und 19. Jh. bestand in Europa eine große Nachfrage nach chinesischen Gütern, wie etwa Tee, Seide und Porzellan. Da die herrschende Qing-Dynastie protektionistisch war, wurde europäischen Händlern nur der Zugang zur Provinz Guangdong gestattet, zu der auch Hong Kong und Macau gehörten, während der Zugang zum chinesischen Festland verwehrt blieb. Der britischen ostindischen Kompanie wurde von Großbritannien ein Handelsmonopol in China erteilt. In China aber bestand nur wenig Interesse an europäischer Handelsware. Aus diesem Grund waren die britischen Händler gezwungen mit Silber zu bezahlen, das damals als internationales Zahlungsmittel galt. Allerdings verfügten die Briten nur über begrenzte Silberreserven, weshalb sie ab Mitte des 18. Jh. zum Drogenhandel im großen Stil übergingen. So hatten die Briten ab Anfang des 19. Jh. ein Dreiecks-Handelssystem errichtet, bei dem die Erträge britischer Textilexporte nach Indien, in tonnenweise Opium reinvestiert wurden. Dieses wurde dann als Tauschware gegen chinesische Handelsware eingetauscht, welche dann zurück nach Europa verschiffte wurden (siehe Grafik).

Mukherjee (2010)
Mukherjee (2010)

Natürlich blieb der Drogenhandel nicht ohne Folgen. Schon bald gab es Millionen von Drogensüchtigen, was den chinesischen Kaiser dazu anhielt einen Verkaufsverbot, die Verhaftung der Händler und die Zerstörung großer Mengen Opiums zu veranlassen. Dies sahen die Briten als Kriegserklärung und führten daraufhin, zwischen 1839 und 1858, zwei erbitterte Opiumkriege gegen das chinesische Kaiserreich, die sie aufgrund überlegener Waffentechnologie für sich entscheiden konnten. In den darauffolgenden Friedensverträgen wurden die Chinesen dazu gezwungen zahlreiche Städte dem internationalen Handel zu öffnen. Außerdem wurde Hong Kong, bis heute eines der größten Finanzzentren Asiens, offizieller Teil der „British Empires“. Chinesische Produzenten konnten schon bald nicht mehr mit europäischen konkurrieren, da diese über überlegene Produktionstechnologien verfügten. Somit spielten die Opiumkriege eine Rolle im Untergang eines Jahrtausende alten Kaiserreichs und trugen wahrscheinlich zur Einkommensdivergenz zwischen dem Westen und  China bei.

Die von mir genannten Aspekte sollen auf keinen Fall im Widerspruch zur von Richard Baldwin genannten These stehen. Ich denke, dass sich beide Betrachtungsweisen gut ergänzen können, um die „große Divergenz“ besser zu erklären. Ich will damit auch nicht zu den Leuten gehören, die wirtschaftliche Zusammenhänge vereinfachen und Kolonialismus als alleinige Begründung für globale Ungleichheit verantwortlich machen. Die wirtschaftliche Performance von Ländern hängt immer von zahlreichen Aspekten ab. Allerdings will ich mit diesem Beitrag Bewusstsein dafür schaffen, dass den Auswirkungen von Kolonialismus in wirtschaftswissenschaftlicher Literatur nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Oft wird daher vergessen welche entscheidende Rolle diese Periode auch für unser heutiges Leben und aktuelle Probleme hat.

Foto: Stuart Ranking, CC BY-NC 2.0

Christian Kabengele

I am a politically interested Blogger, academic and student of economics. I am active in numerous initiatives, which represent minorities in Germany. I write about international relations, politics, economics and philosophy and much more. I am committed to be part of a positive change.

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