Paris, Beirut, Baghdad, Syrien: Trauer, Angst und Wut

Trauer. Ich bin traurig. Natürlich bin ich traurig. Ich bin natürlich traurig.

Angst. Ich habe Angst. Natürlich habe ich Angst. Ich habe natürlich Angst.

Wut. Ich bin wütend. Natürlich bin ich wütend. Ich bin natürlich wütend.

Trauer, Angst und Wut. Warum verspürt man diese Gefühle? Weil sie natürlich sind. Weil sie eine emotionale Reaktion sind auf Dinge die uns zustoßen die wir aber nicht erklären können.

Trauer für Menschen die gestorben sind, deren Tod unnötig war.

Angst vor der ungewissen Zukunft, unsere Zukunft und der unser Liebsten. Der Zukunft der Menschheit. Dieser Zukunft die uns bevor steht.

Wut aus Verzweiflung. Verzweiflung über die Zustände die diese Trauer, diese Angst und diesen Tod in unseren Leben zulassen. Wut empfinden, auf diejenigen die Schuld sind. Wer ist schuld?….

Wie jeder Mensch bin ich zutiefst betroffen und zutiefst schockiert über die Geschehnisse in Paris. Einer Stadt in der ich bis vor wenige Jahre selber noch gelebt habe. Einer Stadt in der ich Freunde und Bekannte habe. Meine Trauer gilt den Toten, den Verletzten, sowohl seelisch als auch physisch. Das ist meine Trauer.

Ich wünsche und bete, dass die Opfer die in diesem feigen und schrecklichen Anschlag ums Leben gekommen sind in Frieden ruhen mögen. Ich bete für die Menschheit und die Menschlichkeit, dass wir unseren Weg aus den Ruinen unserer Gewalt und den Ruinen unserer abgestumpften Seelen finden und auf den rechten Pfad zurückkehren. Den Pfad der Menschlichkeit den Pfad der Empathie. Den Pfad der Nächstenliebe. Den Pfad zu uns.

Wie jeder Mensch verspüre ich Angst darüber wie es mit der Sicherheitslage aller Menschen in dieser und anderen Gesellschaften weitergehen soll. Ich habe Existenzängste. Ängste über die Stabilität der Gesellschaft. Ängste über den Erhalt der Menschheit und der Menschlichkeit. Ich habe und auch nicht ganz unbegründet, Ängste über meine Zukunft als Schwarze Person in dieser westlichen Gesellschaft. Ängste über die ausufernde rassistische Gewalt und den anti-muslimischen Rassismus und den aufkommenden Rechts-Populismus und neuen Nationalsozialismus. Ja auch Angst vor Polarisierung und Extremismus jeglicher Form. Ängste vor Rache gegen Menschen, die vor ebendem fliehen was heute Nacht Paris, gestern Beirut und auch Baghdad getroffen hatte und fast täglich in vielen Orten dieser Welt stattfindet. Ich habe nicht zuletzt auch Angst meine eigene Menschlichkeit zu verlieren. Angst davor seelisch abzustumpfen, Angst davor mein Ziel und meine Motivation aus den Augen zu verlieren. Das ist meine Angst.

Ich wünsche und bete, dass wir Menschen unsere Ängste, aus der so viele unserer Probleme resultieren, überwinden können. Dass wir uns in unseren Ängsten unterstützen und verstehen. Sie respektieren und sie lindern. Die Zustände die sie schaffen entwurzeln und verändern. Ich bete, dass unsere Ängste nicht die Überhand gewinnen und unsere Hoffnung überdecken.

Wie jeder Mensch verspüre ich Wut. Wut aus Ratlosigkeit, wie ein Mensch solch schreckliche Taten begehen kann. Wie ein Mensch sich dazu in die Lage gesetzt fühlt auf so feige und brutale Art und Weise andere menschliche Leben zu beenden, wie es in Paris, Beirut, Baghdad und vielen anderen Orten der Welt geschehen ist. Ich verspüre Wut über die ungerechte Berichterstattung der Medien und der Öffentlichkeit. Ich verspüre Wut darüber als anti-rassistischer Aktivist, der fast täglich über rassistische Gewalt berichtet, nur auf Wände des Schweigens und Wände der Ahnungslosigkeit zu stoßen. Über diese Wut und die Ungleichbehandlung von Leben durch unsere Gesellschaft muss geredet werden. Aber nicht heute! Heute muss nur getrauert werden. Für die Toten in Paris. Für die Toten in Beirut. Für die Toten in Syrien . Für die Toten im Irak! Heute muss nur für die Toten getrauert werden! Für die toten Menschen aufgrund ihrer Menschlichkeit!

Die wütenden Analysen und Bezichtigungen und die Rants über westliche Berichterstattung werden kommen, doch zunächst müssen wir verarbeiten was geschehen ist und den Wunden ein wenig Zeit zur Heilung geben. Ich habe heute Nacht einen fundamentalen Fehler begangen, der mich darauf aufmerksam gemacht habe, dass auch ich eine Teil meiner Menschlichkeit verloren habe. Durch das System in dem ich lebe, die Wurzeln und Ursprungsmotivation meiner Reise teilweise vergessen habe. Anstatt erst die Trauer zu verspüren, die tiefe Menschlichkeit in mir und einfach die Opfer zu betrauern, unabhängig von dem sozialen Kontext, aus purer Güte heraus, bin ich direkt zu Angst und Wut gesprungen. Habe mir die Zukunft ausgemalt, die schreckliche Zukunft und panisch reagiert. Habe versucht die Trauer zu unterdrücken, weil ich es so gelernt habe und es sonst zu viel Trauer zu ertragen wäre. Aber mir ist klar geworden, dass ich nicht das werden möchte was ich selber so verachte. Dass ich selber keine Unterscheidung in menschlichen Leben machen möchte. Ein Facebook-Post von  Dr. Omid Safi hatte mir dies gestern Abend plötzlich klar gemacht, der es in folgende sehr simple Worte gefasst hatte:

Vom öffentlichen Facebook-Profil von Dr. Omid Safi am 14.11.2015
Vom öffentlichen Facebook-Profil von Dr. Omid Safi am 14.11.2015

Dieser moralische Fehler hat mir deutlich aufgezeigt, dass ich selber noch nicht die emotionale und spirituelle Reife erreicht habe, die für das was ich mache notwendig ist. Welche Konsequenzen ich daraus für meine künftige Arbeit ziehen werde, das werde ich mir in der kommenden Zeit genauer überlegen. Deshalb möchte ich für diesen Fehler um Vergebung bitten und insbesondere alle die, die ich damit verletzt habe.

Jedes Mal wenn ich anklage und beschuldige und bezichtige und belehre. Wenn ich meiner Wut Raum verschaffe. So klage ich mich selbst an. So beschuldige ich mich selber. So bezichtige ich mich selber. So belehre ich mich selber. Weil ich selber ein Teil dieses Systems bin und teilweise zu seiner Aufrechterhaltung und zur Ungerechtigkeit in der Welt beitrage. Dies ist leider leicht vergessen. Verzeiht mir!

Ich wünsche und bete, dass wir Menschen lernen unsere Wut zu kontrollieren und einzudämmen. Dass wir lernen, geduldig und empathisch miteinander umgehen. Dass wir lernen, dass Angst und Wut zwar natürlich sind, dass diese aber nicht die Überhand gewinnen dürfen. Ich bete deshalb heute Nacht dafür, dass wir gemeinsam Frieden finden und die Wut dazu nutzen die Zustände zu verändern die uns wütend machen.

Trauer kann der Keim für Angst und Wut sein, die diese Gesellschaft und unsere Seelen auffressen und verstümmeln. Trauer kann aber auch der Keim sein für etwas größeres und besseres! Trauer kann der Keim eines tiefen Wunsches sein, die Ursachen für diese Phänomene zu bekämpfen und zu verändern. Lasst uns gemeinsam trauern und einen Weg finden Eins zu werden und Probleme friedlich zu lösen. Viele Menschen jeglicher politischer und ideologischer Strömung werden in der kommenden Zeit diese Ereignisse nutzen, um ihre eigene Agenda voranzutreiben. Bitte lasst uns zusammenstehen und die Opfer auf die richtige Art und Weise betrauern. Nicht in dem sie für politische Ziele missbraucht werden. Diese widerlichen Angreifer haben genau dies im Sinne: Die „Grauzonen“, die Mitte, die Gemeinsamkeiten, die Menschlichkeit zu zerstören und die Gesellschaft in extreme Lager zu spalten. Lasst uns dies verhindert. Lasst uns Menschlichkeit an erster Stelle bewahren. Lass uns einen kühlen Kopf behalten und nicht den gleichen Fehler, den ich auf individueller Ebene begangen habe, auf kollektiver Ebene begehen und weitere unschuldige Menschen zu Schaden kommen lassen.

 

Bild: Sean X. Liu, CC BY-SA

Christian Kabengele

I am a politically interested Blogger, academic and student of economics. I am active in numerous initiatives, which represent minorities in Germany. I write about international relations, politics, economics and philosophy and much more. I am committed to be part of a positive change.

2 thoughts on “Paris, Beirut, Baghdad, Syrien: Trauer, Angst und Wut

  • 14. November 2015 at 19:41
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    I have a dream…
    (Martin Luther King)

    Es ist kein Traum. Es hat sich schon so viel bewegt…andersfarbiger trauernder Rebell.
    Deine Ehrlichkeit, Deine Offenheit, Dein Wunsch, Emotionen kontrollieren zu wollen, ist einer, der dem Frieden die Tür weit öffnet.
    Die Fraktale machen es vor…aus der kleinsten Struktur formt sich die große.
    Es ist die Architektur des Lebens.
    Neben Dir stehend, heute ein Licht in der offenen Hand,
    mit Dir trauernd,
    die Karfunkelfee,
    ein Bleichgesicht, ist das wirklich wichtig?
    Hell oder Dunkel?
    Es ist nur Haut.
    Der Geist ist farblos
    und trotzt allem andersdenkenden Gemunkel.

    Reply
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