Wer ist eigentlich „Deutsch“?

Nicht jede unserer Leserinnen hat Zeit zahlreiche Buchbände zu wälzen. Deshalb will ich hier einen kleinen Überblick verschaffen, was Schwarzsein in Deutschland bedeutet, welchen Problemen Schwarze Menschen in ihrem Alltag begegnen und wie Rassismus funktioniert. Hierbei werden ich mich aber einiger Zitate und Definition aus der einschlägigen Literatur bedienen.

Deutschland ist ein mehrheitlich weißes Land. Trotzdem hat es in Deutschland schon immer Schwarze Menschen und People of Color gegeben. Als Beispiel wäre hier Anton Wilhelm Amo zu nennen, ein Schwarzer Professor für Deutsches Recht und Philosophie, der Anfang des 18. Jahrhunderts an der Universität zu Halle unterrichtete. Er ist auch dafür bekannt, dass er eine der ersten Dissertationen über Die Rechtstellung des „Mohren“ in Europa verfasste. Auch in den darauf folgenden Jahrhunderten, insbesondere Ende des 19. und Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts, gab es eine signifikante Anzahl an Schwarzen Menschen und People of Color, die Deutschland ihr Zuhause nannten. D.h die in Deutschland geboren wurden, aufgewachsen sind und sozialisiert wurden.

Heutzutage bleibt die ultimative Frage zu klären, wer ist deutsch?

Rein der Definition nach ist Deutsch, wer über eine deutsche Nationalität verfüg, d.h ein deutsche Ausweisdokument inne hat. Also auch alle Schwarzen Menschen und People of Color auf die das zutrifft.

Nun ist es natürlich möglich darüber zu streiten ob „Deutschsein“ auch in weiterem Sinne auf einer gewissen kulturellen Basis beruhen kann, eine Position die ein ziemlicher Mythos ist. Bis in die Mitte 19.Jahrhunderts war das Gebiet, das heutzutage Deutschland heißt, nichts als ein loser Zusammenschluss hunderter Regionen, Herzogtümer und Fürstentümer, die zwar die Sprache gemeinsam hatten (nicht mal das wirklich), aber ansonsten kulturell ziemlich heterogen waren. Auch heute noch gibt es keine eindeutige „deutsche Kultur“, denn die Unterschiede in den kulturellen Realitäten und Identitäten zwischen z.B Franken und Ostfriesland sind doch signifikant. Dennoch würde auch diese Form des „Deutschseins“ auf viele Schwarze und People of Color zutreffen.

Wie ist es nun in der Realität? Wird die definitorische Version des „Deutschseins“ im Alltag angewendet und zwar auch auf alle?

Es gibt Millionen deutscher Mitbürgerinnen, die trotz ihres deutschen Passes nicht als solche angesehen werden. Viele würden nun argumentieren, dass dies mit den verschiedenen kulturellen Realitäten zu tun habe die diese Menschen erleben. Das Problem ist allerdings, dass Kultur in unserem heutigen Kontext nicht unbedingt sichtbar ist. Trotzdem kennt jeder die Situation, dass MitbürgerInnen, die sich phänotypisch von der Mehrheitsgesellschaft unterscheiden als „Ausländer“ bezeichnet werden. Eine in Berlin aufgewachsene Person of Color würde beim Zusammentreffen mit einem weißen Ostfriesen und einem weißen Bayern als „Ausländer“ bezeichnet werden, obwohl alle eine ähnlich weit auseinanderliegende kulturelle Sozialisation erfahren haben.

Wenn „Deutschsein“ also definitorisch bedeutet einen deutschen Pass zu haben oder oft als eine gemeinsame kulturelle Basis bezeichnet wird aber die tatsächlich Verwendung dieses Begriffes assoziiert wird mit bestimmten phänotypischen Merkmalen dann scheint das heute bestehende Verständnis von „Deutschsein“ eine tieferliegende Bedeutung zu haben und zwar die des „Deutschsein“ als „Weißsein“.

Der Ursprung des heutigen Verständnis vom „Deutschsein“ als „Weißsein“ liegt im Aufkommen einer starken „Rassenideologie“, die sich in Europa mit dem Anfang des 18. Jahrhunderts zunehmend stärker verbreitete. Es handelte sich bei dieser Ideologie, also der Idee, dass es nicht eine gemeinsame Spezies gab sondern innerhalb der menschlichen Spezies verschieden menschliche Rassen gibt, die verschiedene Attribute und Eigenschaften haben, also um eine grundlegende europäische Ideologie.

Zwar haben Menschen schon immer ihre äußerlichen Unterschiede festgestellt und teilweise aufgrund kultureller Differenzen pauschalisiert aber niemals hat es mehrere wissenschaftliche Zweige gegeben, die versucht haben diese Unterschiede biologisch, genetisch, psychologisch und kulturell zu untersuchen, um die Überlegenheit der eigenen Bevölkerungsgruppe zu beweisen.

Es scheint sich bei dieser Ideologie also nicht um ein rein deutsches Phänomen zu handeln, sondern ein europäisches oder gar globales. Dies ist der Grund dafür, dass weiße Amerikaner, Australier und Süd-Afrikaner, rein optisch, eher zur deutschen Mehrheitsgesellschaft gezählt werden als ein Schwarzer Deutscher.

So würde bspw. eine Zeugenaussage, bei der Täterbeschreibung einer Straftat, an der die vier oben genannten Personen beteiligt wären, sicherlich lauten: „Drei Deutsche und ein Ausländer“.

Rassentheorien sind überall und führten zu diesem verzerrten Bild

Offen sind nun noch die interessanten Fragen, warum und von wem diese Rassentheorien propagiert und verbreitet wurden und wie weit diese Theorien bis heute ihre Nachwirkungen haben?

Erstmal ist zu klären woher der Begriff „Rasse“ überhaupt kommt.Prominent in Europa wurde er vor allem durch den während der Reconquista der Spanier im Jahre 1492 zunehmenden Antisemitismus, der mit der Forderung der „Reinheit des Blutes“ einherging. Aber auch mit dem Versuch der herrschenden, französischen Adelsklasse ihre Privilegien durch ihre reine Abstammung zu untermauern.

Der Begriff „Rasse“ hatte also schon früh eine politische Machtdimension, die später mit der Kolonialisierung, ganz Asiens, Afrikas, Amerikas, Ozeaniens und Australiens durch imperiale europäische Nationen eine biologische Komponente bekommt. Die Machteliten hätten natürlich, sowohl mit ihrem eigenen Gewissen als auch mit ihrer Bevölkerung, Probleme bekommen all die barbarischen Taten, den Terrorismus und den Massenmord in aller Welt zu rechtfertigen. Daher war man gezwungen sich ein Weltbild zu konstruieren, dass die Menschen in Überlegene und Unterlegene, Kultivierte und Unzilvilisierte unterteilte, damit man sich nicht schlecht fühlen musste. Nein es entstand gar ein Gefühl von Stolz und Pflichterfüllung, sogar von Wohltätigkeit. So redete man sich ein, habe man als „Kulturvolk“, die Pflicht „unterentwickelte“ Völker auf sein „fortschrittliches“ Kulturniveau zu erheben.

So wurde ganz bewusst ein Teil der Menschheit zum vollkommenen Menschen schlechthin und ein anderer Teil zum “Untermenschen“ konstruiert. Auf Basis dieses Weltbildes wurde und wird nach wie vor 500 Jahre koloniale Ausbeutung, Zerstörung, Krieg und Genozid gerechtfertigt.

Bild: Chris, CC BY

Christian Kabengele

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