Die Geschichte der Deutschen „Wirtschaftsflüchtlinge“

Momentan wird von  Gruppierungen wie PEGIDA oder der AfD  zunehmend gegen sogenannte „Wirtschaftsflüchtlinge“ gehetzt. Sie würden nach Deutschland kommen, obwohl es in ihren Ländern weder Krieg noch politische Verfolgung gebe. Dabei würden sie, der Meinung der Rechtspopulisten nach, sowohl die Sozialsysteme ausnutzen als auch den „Deutschen“ die Arbeitsplätze wegnehmen. Was denn nun? Eine ziemlich paradoxe Argumentation. Bittere Armut, Ausweglosigkeit und Perspektivlosigkeit scheinen für viele dieser Populisten kein ausreichender Grund zu sein seine Heimat zu verlassen.

Aber wie sieht es denn mit den Deutschen selber aus? Werfen wir mal einen alternativen Blick auf die Flüchtlingsthematik und betrachten das Problem aus einer historischen Perspektive…..

Auch die Deutschen haben eine Geschichte der Auswanderung. Ab der zweiten Hälfte des 18. Jh. beginnt eine massive Auswanderungswelle aus den deutschen Landen in die verschiedensten Regionen der Welt. Erstes Ziel waren vor allem die Gebiete Süd-Ost-Europas (Russland, Ungarn, Rumänien). Dies sind nur einige der Länder von denen angeblich Wirtschaftsflüchtlinge kommen, wie PEGIDA-Anhänger behaupten, und „dem Deutschen Staat auf der Tasche liegen“.

Motivation für die damaligen deutschen Auswanderer war vor allem die unsichere wirtschaftliche Lage, sowie diverse Hungersnöte. Also waren sie schlicht und einfach ebenfalls „Wirtschaftsflüchtlinge“. Über 500.000 Deutsche verschlug es in die Regionen Osteuropas. Dort taten sie alles andere als sich zu „integrieren“, was immer lautstark von den Menschen verlangt wird die nach Deutschland kommen. Es wurden Siedlungen gegründet, in denen die deutschen Aussiedler sich von der einheimischen Bevölkerung abschotteten, nur untereinander heirateten und ihre eigene Subkultur formten. Bis zum zweiten Weltkrieg waren solche Regionen über Jahrhunderte isolierte Siedlungen, in denen nur Deutsch gesprochen wurde und kein Wille herrschte sich anzupassen (z.B. Siebenbürgen). Zudem wurde auch ein Staat im Staate gegründet, indem die Besiedlung gezielt nach Konfession betrieben wurde. Eine Vorgehensweise die häufig den hier lebenden muslimischen Einwanderern vorgeworfen wird.

Ab 1820 lösten eine lang anhaltende Wirtschaftskrise sowie extrem schlechte Ernten eine anhaltende Massenemigration von Deutschland nach Übersee aus. Die Auswanderer erhofften sich in der neuen Welt politische Freiheit, nationale Sicherheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Das sind Dinge die sich auch die Menschen wünschen, die heutzutage aus bitterer Armut zu uns kommen. Außerdem waren diese damaligen deutschen Auswanderer deutlich schlechter gebildet als die Menschen die heutzutage nach Deutschland kommen. Diese haben heute nämlich im Schnitt einen höheren Anteil an Akademikern (35%) als die deutsche  Gesamtbevölkerung (20%), wohingegen die deutschen „Wirtschaftsflüchtlinge“, die in die USA auswanderten, mit Quoten bis zu 61,9% keinen Beruf ausübten. Allein zwischen 1820 und 1828 wanderten ca. 6 Millionen Menschen aus den Deutschen Ländern als „Wirtschaftsflüchtlinge“ aus, um ihr Glück in der „neuen Welt“ zu suchen. Die Meisten gingen in die USA, viele aber auch nach Brasilien, Argentinien, Kanada, Australien und Südafrika.

Im 19.Jahrhundert stellen Deutsche die größte Einwanderergruppe in die USA dar. Dort besiedeln sie vornehmlich das Gebiet das heutzutage als Mittlerer Westen bezeichnet wird, das sog. German Triangle zwischen Wisconsin, Missouri und Ohio. Auch hier findet nicht die heute verlangte „Integration“ statt, sondern es bilden sich deutsche Stadtviertel, Kirchengemeinden, Schulen, Vereine und sogar ein eigenes Presse- und Verlagswesen heraus. Es wird an den alten Traditionen festgehalten. Die deutschen Neuankömmlinge betätigen sich überwiegend als Bauern, später durch die Industrialisierung auch als Arbeiter. Mitte des 19.Jh. kommt noch der Goldrausch an der Westküste der USA dazu.

Die Präriegebiete im Mittleren Westen waren allerdings keinesfalls unbewohnte Gebiete. Durch Genozid, gezieltes Aushungern und Zwangsumsiedlung wurden die First Nations Nordamerikas auf grausame Art vertrieben und ausgerottet. Unterstützt wurden die weißen Siedler hier durch den „Indian Removal Act“, des US-Kongress‘, bei dem es sich um nichts anderes als einen gezielten Plan zur ethnischen Säuberung handelte. Die First Nations wurden dabei als „Angehörige einer minderwertigen Rasse“ betrachtet, deren „Verschwinden aus der menschlichen Rasse keinen großen Verlust für die Welt bedeutet“ so Henry Clay, der US-Außenminister im Jahr 1826. Die Opfer dieser grausamen Tyrannei, an der auch die deutschen Siedler teilnahmen, belaufen sich nach heutigen Schätzungen auf bis zu 10 Millionen.

Heutzutage stellen Menschen mit einem Deutschen Background die größte ethnische Gruppierung der USA dar (bis zu 50 Millionen).  Die Zahl der deutschen Auswanderer, insbesondere im 19. Jahrhundert, beläuft sich auf ca. 7-8 Millionen. Menschen mit einem deutschen Background bewohnen heutzutage jeden Teil der Welt, von Nord- und Südamerika, über Afrika bis nach Australien. Die meisten dieser Menschen verließen damals ihre Heimat aufgrund sozialer, wirtschaftlicher und politischer Probleme in der Hoffnung auf ein neues Leben. Genauso wie es viele Menschen tun die heutzutage zu uns kommen. Allerdings hatten wir es damals, anders als heutzutage, mit einer Invasion und unrechtmäßigen Aneignung fremden Territoriums zu tun, die nur durch europäische Kolonialpolitik und eine rassistische Weltordnung ermöglich wurde. Das hat bis heute Nachwirkungen.

Im „globalen Norden“ profitieren wir bis heute von der wirtschaftlich Ausbeutung des „globalen Südens“: Vom Öl, das wir für unsere Energie und Fortbewegung brauchen, über die landwirtschaftlichen Flächen, die für unseren westlichen Fleischkonsum zu Weideland umgewandelt werden, bis hin zu den seltenen Mineralien, die wir zur Produktion unserer elektronischen Geräte benötigen. Ganz zu schweigen von den Absatzmärkten, die wir für unsere Konsumgüter und Waffen benötigen. An vielen Konflikten in dieser Welt sind wir indirekt beteiligt auch wenn wir dies oft nicht wahrhaben wollen.

Und vor diesen, durch unsere Ansprüche hervorgerufenen Konflikten, fliehen viele der Flüchtlinge, die zu uns kommen. Anders als damals ersuchen die Meisten den legalen Weg (es sei denn, die ungerechte Gesetzgebung zwingt sie zu Anderem) und sie wollen weder eine Invasion noch eine Vertreibungspolitik verfolgen, sondern einfach nur ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sein.  Wir als stabile und wirtschaftlich starke Region der Welt, die insbesondere hinsichtlich der kolonialen Geschichte eine besondere Verantwortung hat, aber vor allem wir als Menschen, haben die humanitäre Pflicht unsere Brüder und Schwestern mit offenen Armen zu empfangen.

 

Bild: Jakob Huber, CC BY-SA

Christian Kabengele

I am a politically interested Blogger, academic and student of economics. I am active in numerous initiatives, which represent minorities in Germany. I write about international relations, politics, economics and philosophy and much more. I am committed to be part of a positive change.

2 thoughts on “Die Geschichte der Deutschen „Wirtschaftsflüchtlinge“

  • 12. August 2015 at 20:19
    Permalink

    Hi,

    habe heute morgen ein Bild der Künstlerin Barbara auf FB gepostet habe: „Wer gegen Flüchtlinge hetzt
    muss nicht gleich ein Nazi sein,
    aber in jedem Fall eine herzlose
    Knalltüte, die aus der Geschichte
    rein garnichts gelernt hat.“

    Seither ist eine hitzige Diskussion unter diesem Bild ausgebrochen, über den Unterschied zwischen Wirtschaftsflüchtlingen und solchen, doe vor Krieg oder Verfolgung flüchten.
    Da kam ich auf die Idee doch mal etwas zu forschen, was deutsche Flüchtlinge in der Geschichte zum Auswandern bewegt hat.

    Die einzelnen Fakten in dem Text sind ja hinlänglich bekannt, aber so gebündelt finde ich so schon sehr informativ.

    Auch wenn ich mit Phrasen wie „besondere Verantwortung“ nicht so viel anfangen kann, da ich zwar in Deutschland geboren bin und gerne hier lebe, aber effektiv nur 25% deutsch bin und eigentlich niemand etwas für die menschenverachtenden Taten der vorhergegangen Generationen kann, außer Scham empfinden.

    Habe den Text mal als Link in die Diskussion eingefügt, mal sehen ob es gelesen wird.

    Reply
    • 12. August 2015 at 20:58
      Permalink

      Danke dass dir der Text geholfen hat. Es freut mich sehr. Besondere Verantwortung ist vor allem bezogen auf unsere privilegierte Position die wir hier im reichen globalen Norden haben, während die gleichen Wirtschaftssysteme, die uns diesen Lebensstandard ermöglichen, für die Ausbeutung im globalen Süden dieser Welt verantwortlich ist. Vor allem die besondere kollektive Verantwortung der Gesellschaft. Deine Genetik ist dabei und hoffentlich auch bei allen anderen Aspekten des Lebens völlig unerheblich. Peace

      Reply

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: