Deutschland: Mythos der ethnischen Monotonie

Zuerst einmal ist festzustellen, dass Migrationsbewegungen seit Anbeginn der Menschheit stattgefunden haben. Man könnte sogar sagen die Menschheit hat über diesen Weg ihren Anfang genommen. Jeder Mensch hat das Bedürfnis nach Frieden, nach Sicherheit und nach einem Lebensraum, in dem er die nötigen Ressourcen hat, um sich frei zu entfalten. So kam es, dass die Menschen in den letzten 200.000 Jahren immer wieder ihren altbekannten Lebensraum verließen, um in der Hoffnung auf ein besseres Leben neue Lebensräume zu besiedeln.

Nach der Out of Africa Theorie, die als die wahrscheinlichste Theorie der Ausbreitungsgeschichte der Menschheit  gilt, stammen alle Menschen aus dem östlichen Afrika. Von dort aus haben sie sich im Laufe der letzten 60.000-80.000 Jahre über die arabische Halbinsel auf die gesamte Welt verteilt. Das heißt ganz pauschal: jeder Bewohner dieser Erde hat einen Migrationshintergrund, denn irgendwo in seiner Vergangenheit sind seine Vorfahren über verschiedene Stationen in das Territorium gelangt welches er aktuell besiedelt. Zu glauben, man sei quasi aus dem Boden gewachsen und habe deshalb eine höhere Daseinsberechtigung auf bestimmten Territorien ist vom Grundgedanken schon höchst absurd. Zur der Zeit als den Menschen das Konzept von Grenzen und Nationen noch unbekannt war, war klar: „Die Welt gehört allen und alle Menschen haben das Recht sich frei auf ihr zu bewegen“.

Es ist also an sich ein höchst natürliches menschliches Verhalten, dass jedem mit einem gesunden Menschenverstand einleuchtet. Wenn ein bestimmter Ort nicht die nötigen Randbedingungen für die freie Entfaltung bietet, so packen Menschen ihre sieben Sachen und begeben sich an einen anderen Ort. Ob dieser Ort nun geografisch weit entfernt liegt oder nur ein Dorf weiter ist von der Grundidee her erstmal unerheblich. Dies ist ja absolut nachvollziehbar, da es Lebensmüde wäre sich weiterhin lebensbedrohlichen Umständen auszusetzen, wenn ein anderer Ort eine bessere Zukunft verspricht.

So waren und sind die Hauptgründe für Migrationsbewegungen meist existentielle Bedrohung und/oder die Hoffnung auf ein besseres Leben. In der Migrationsforschung spricht man von sog. Push-Pull- Faktoren. Push (also wegdrückende) Faktoren sind z.B. ökonomische Gründe wie Armut, naturbedingte Gründe wie Katastrophen oder politische Gründe wie systematische Verfolgung. Pull (also anziehende) Faktoren sind z.B. gute Verdienstmöglichkeiten, hohe Toleranz, sowie Rechtssicherheit und Frieden.

Auch die Tatsache, dass der Mensch nach der neolithischen Revolution (vor ca. 20.000) vom Jäger und Sammler zum sesshaften Bauern wurde und sich niederließ änderte nichts an diesen Migrationsbewegungen. Zwar bildeten sich bald Konzepte von Königreichen und Schutzgebieten, aber noch lange waren die Grenzen nicht so absolut. Die Idee einer Nation, die direkt verknüpft ist mit einer ethnischen Zugehörigkeit beziehungsweise einem äußeren Erscheinungsbild, verdanken wir erst dem Imperialismus und Nationalismen des 19. Jahrhunderts.

Häufig wird in Deutschland das Argument vorgebracht, dass ja nichts Gutes dabei rauskommen könne, wenn so viele Menschen von verschiedenen kulturellen und religiösen Backgrounds auf einem Fleck leben würden. Viele erliegen der völlig irregeleiteten Meinung, dass Deutschlands Vergangenheit auf ethnischer Monotonie und kultureller Gemeinsamkeit basiere. Also der Idee, dass die Vorfahren aller Deutschen quasi in einem Urzustand aus dem Bodengewachsen seien und sich gleich einig waren welche Götter man zu verehren habe und welcher Lebenswandel zu präferieren sei. Dieser Gedanke ist natürlich absurd.

Schauen wir uns einmal an wie die Besiedlungsgeschichte Mitteleuropas von statten ging.

Die ersten Bewohner Mitteleuropas, auf die sich die o.g. Personengruppen zu beziehen scheinen, sind zweifelsohne… der Homo Heidelbergensis, der vor ca. einer halben Millionen Jahre von Süden den europäischen Kontinenten besiedelte. Aufgrund einer massiven Eiszeit entwickelten diese sich weiter zum Homo Neandertalensis. Der heutige Stand der Forschung bestätigt allerdings, dass der Neandertaler nicht der direkte Vorfahre des Homo Sapiens ist, sondern dass die beiden Spezies bis vor ca. 30.000 Jahren parallel zu einander lebten. Der Homo Sapiens selber besiedelte Europa erst vor ca. 35.000 Jahren. Durch seinen höheren Intellekt, seine bessere Anpassungsfähigkeit und vor allem die Weitergabe der Kultur konnte er den Neandertaler verdrängen.

Seit dem befindet sich Europa, insbesondere Mitteleuropa, in einem ständigen Wandel, gezeichnet durch zahlreiche Völkerwanderungen. Ab ca. 1000 v. Chr. werden das mittlere und südliche Deutschland von keltischen Stämmen besiedelt, die wahrscheinlich aus nord-westlichem Gebiet einwanderten. Bald kommt es in Norddeutschland zu Heranbildung diverser „germanischer“ Stämme ab ca. 600 v. Chr. Wobei der Begriff die „Germanen“ mit Vorsicht zu genießen ist. Häufig wird er heutzutage und auch im dritten Reich in einer von rassistischem Wahn motivierten Pseudo-Wissenschaft als gemeinsame ethnische Wurzel gesehen. Dabei stammt der Begriff von römischen Autoren, die ihn in ihren Werken lediglich als wenig präzisen Sammelbegriff für in Mitteleuropa lebende Stämme benutzten und mit einem „Barbarenbild“ verbanden (lustig, dass gerade dieser Begriff häufig dazu genutzt wird vermeintliche Überlegenheit darzustellen). In Wirklichkeit waren die „Germanen“ aber eine uneinheitliche Gruppe verschiedener Stämme, die weder eine gemeinsame Kultur noch ein übergeordnetes Gemeinschaftsgefühl verband. In der Kontaktzone im Rheingebiet kam es zu Kontakten und regem kulturellen Austausch zwischen den germanischen und keltischen Gruppen.

Ab dem 1. Jh. v. Chr. bis ca. 450n. Chr. war das Gebiet  Deutschlands, überwiegend links-rheinisch, eine römische Kolonie, mit massiver Einwanderung aus dem restlichen damaligen Römischen Reich. Die Römer waren es auch die den Hausbau, die Landwirtschaft, das Handwerk, sowie Verwaltung und Militär in der Region einführten. So erklärt sich auch, dass Köln, Trier, Mainz und Augsburg die ältesten Städte Deutschlands sind. Dann kamen die Hunnen, die Völkerwanderung aus ganz Osteuropa in das Gebiet der heutigen BRD auslösten, unter anderem die Vandalen, die Sueben und die Alanen.

Daraufhin begannen sich zahlreiche verschiedene Großstämme herauszubilden, die die kleineren germanischen Stämme vertrieben. Zu nennen wären  hier die Franken, die Alemannen, die Bayern, die Thüringer und slawische Stämme im Osten. Dabei war das ganze östliche Deutschland, bis ins späte Mittelalter, sehr stark slawisch geprägt. Erst später wurden die dort Lebenden Gruppen assimiliert.

All dem folgten Jahrhunderte zahlreicher Instabilität, Zersplitterungen und großer Umwälzungen. Es gab zahlreiche kulturelle Einflüsse sowohl aus dem Orient und  Nordafrika, durch den Aufstieg der Hansestädte im Mittelalter, die internationalen Handel betrieben und die Herrschaft der Mauren über die iberische Halbinsel. Anders als heutzutage waren Hautfarben damals noch nicht mit den stereotypen Bildern aufgeladen und galten lediglich als äußere Erkennungsmerkmale einer Person. Ganz im Gegenteil betete man an diversen Orten Mitteleuropas sogar schwarze Heilige an (bspw. der heilige Mauritius). So kommt es, dass viele Deutsche Familien in Norddeutschland bis heute Schwarze auf ihren Familienwappen haben. Das gleiche gilt auch für zahlreiche Städte und Gemeinden. So lebten zahlreiche schwarze Gelehrte, Händler, Ritter und Handwerker in Deutschland und das zu jeder Zeit seit der Besetzung durch die Römer. Prominentes Beispiel hierfür ist Anton Wilhelm Amo, habilitierter Professor für Philosophie und Recht an der Universität zu Halle, Anfang des 18. Jh.. Später kommt noch der Einfluss des osmanischen Reiches hinzu, der bis ins heutige Österreich hineinreichte und zahlreiche vermeintliche europäische Kulturgüter in die Region brachte. Zu nennen wären hier der Kaffeekonsum und die Kaffeehäuser, die in ganz Europa als Orte der Zusammenkunft für Intelektuelle galten.

All die Errungenschaften zu nennen, die aus der islamischen Welt ,egal ob aus dem afrikanischen oder orientalischen Kulturraum, nach Europa kamen würde hier wohl den Rahmen sprengen. Aber wir merken schnell, dass der Mythos eines abgeschotteten, ethnisch und kulturell homogenen Deutschlands, dass sich alle Errungenschaften selber erarbeitet hat, auf sehr sandigem Grunde fußt und leicht aus dem Weg geräumt werden kann. So hat es Deutschland seiner günstigen geografischen Position in der Mitte Europa zu verdanken, dass es immer wieder Völkerbewegungen auf der Ost-West Achse gegeben hat, die Deutschland in Europa zu einem der ethnisch diversesten Länder macht. Wie Wir sehen kann von einer ethnischen Monotonie also kaum die Rede sein, wie viele zu behaupten scheinen, wenn sie Aussagen tätigen, wie bspw. „So viele verschiedene Kulturen und Religionen auf einem Fleck, das kann nicht gut gehen“. Was sie in Wirklichkeit meinen ist: „Ich bin ein Rassist und kann Menschen die anders aussehen und anders denken nicht leiden“.

Deutschland ist und war schon immer ein „Einwanderungsland“ und wie wir heute wissen sind Länder mit großer kultureller und ethnischer Vielfalt, nicht nur fortschrittlicher, sondern auch wirtschaftlich wettbewerbsfähiger. Gerade in Deutschland, das als Exportnation auf internationale Kundschaft angewiesen ist, sollte man sich diesem Umstand bewusst sein. Man kann nicht erwarten nach außen hin fette Profite zu machen und an eine internationale und diverse Kundschaft zu verkaufen und nach innen , durch institutionalisierten Rassismus, sichtbaren Minderheiten das Leben schwer machen.

Bild: Beth Scupham, CC BY

Christian Kabengele

I am a politically interested Blogger, academic and student of economics. I am active in numerous initiatives, which represent minorities in Germany. I write about international relations, politics, economics and philosophy and much more. I am committed to be part of a positive change.

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